Stand: 04.05.2006
Autor: Zentrum Patientenschulung
Eine wichtige Aufgabe des Projekts „Zentrum Patientenschulung“ liegt in der Entwicklung indikationsübergreifender Beschreibungs- und Bewertungskriterien für Patientenschulungen. Solche Kriterien erscheinen erforderlich, da der Begriff „Patientenschulung“ in den letzten Jahren auf eine Vielzahl unterschiedlicher Maßnahmen angewendet wurde und somit für Fachleute und Laien unklar ist, um welche Art von Maßnahme es sich jeweils handelt. Ziel der Entwicklung von Beschreibungs- und Bewertungskriterien für Patientenschulungen ist folglich eine klare Eingrenzung des Begriffs „Patientenschulung“ durch die Definition formaler Mindeststandards sowie eine Zusammenstellung von Kriterien zur Abschätzung der Qualität einer Maßnahme. Zusätzlich sollte auch die Beurteilung der Eignung einer Schulung für den Einsatz in der medizinischen Rehabilitation ermöglicht werden.
Im Rahmen des Projektes „Zentrum Patientenschulung“ wurden hierfür vier Dimensionen zur indikationsübergreifenden Beurteilung vorgeschlagen:
Zusätzlich wurde eine Dimension zur Erfassung indikationsspezifischer inhaltlicher Anforderungen (5.) ergänzt.
Für die Dimensionen Grad der Evidenz und indikationsspezifische inhaltliche Anforderungen liegen aus Literatur und Fachgremien bereits Kriterien vor, die eine Beurteilung ermöglichen. Für die Definition der Dimensionen Bestimmungsstücke, zusätzliche Qualitätsmerkmale sowie Eignung für die medizinische Rehabilitation wurden über ein Delphi-Verfahren mit Experten Kriterien festgelegt. Im Folgenden werden Methode und Ergebnis dieses Delphi-Verfahrens beschrieben.
Das Delphi-Verfahren umfasste eine schriftliche Befragung (Februar 2006) sowie eine Konsensuskonferenz (März 2006). Der Fragebogen für die schriftliche Befragung thematisierte die Dimensionen Bestimmungsstücke, zusätzliche Qualitätsmerkmale sowie Eignung für die medizinische Rehabilitation. Er enthielt 30 Items mit geschlossenem Antwortformat (vierstufige Likert-Skala; trifft nicht zu - trifft eher nicht zu - trifft eher zu - trifft zu), 15 Items mit offenem Antwortformat und drei Items für ergänzende Aspekte. Die Items waren z. T. als Empfehlung formuliert (z. B. „Im Manual sollten die Inhalte der Schulung detailliert beschrieben sein“), z. T. sollte aber auch die Wichtigkeit eines vorgegebenen Aspekts als Bestimmungsstück bzw. als Qualitätskriterium beurteilt werden (z. B. „Die Festlegung einer bestimmten Qualifikation für Dozenten in der Patientenschulung halte ich für wichtig“). Insgesamt bezogen sich 25 Items auf Bestimmungsstücke, 12 Items auf zusätzliche Qualitätsmerkmale und 11 Items auf die Eignung für die medizinische Rehabilitation.
Der Fragebogen wurde den Mitgliedern des Beirates des Zentrums Patientenschulung (N = 30) zur Beantwortung vorgelegt. Der Rücklauf betrug 63% (n = 19). Bei 17 Items war die Einschätzung der befragten Experten homogen, d. h. maximal zwei der Befragten äußerten eine abweichende Meinung. Die homogen beantworteten Items konnten in die Empfehlungen aufgenommen werden. Die übrigen, heterogen beantworteten Items wurden auf der Konsensuskonferenz am 12. März 2006 in Bayreuth mit 15 Experten diskutiert. Hier wurde vereinbart, den Empfehlungen eine Eingrenzung des Begriffs Patientenschulung voranzustellen. Durch Umformulierung von Aussagen oder Aufnahme einiger Items in die Präambel konnte für 10 Items ein Konsens erzielt werden.
Die Dimension Eignung für die medizinische Rehabilitation wurde wegen zu heterogener Antworten für alle Items vorläufig gestrichen. Die sehr heterogenen Antworten in der schriftlichen Delphi-Befragung bei den Kriterien zur Eignung für die medizinische Rehabilitation legen nahe, dass in verschiedenen Einrichtungen sehr unterschiedliche Bedingungen vorliegen. Es erscheint daher vorerst nicht sinnvoll, unter den aktuellen Rahmenbedingungen Kriterien zur Eignung einer Schulung für die medizinische Rehabilitation festzulegen. Die Anwendbarkeit muss im Einzelfall anhand der vorliegenden Angaben geprüft werden.
Für die Kriterien wird folgende Definition von Patientenschulungen zu Grunde gelegt, die in einer Präambel den Empfehlungen vorangestellt wird:
„Patientenschulungen sind interaktive Gruppenprogramme für Menschen mit überwiegend chronischen Erkrankungen. Sie haben das Ziel, die Mitarbeit (Compliance) der Betroffenen bei der medizinischen Behandlung zu verbessern und ihre Fähigkeit zum selbstverantwortlichen Umgang mit ihrer Erkrankung (Selbstmanagement) in Kooperation mit professioneller Hilfe zu stärken. Der Patient soll durch den Erwerb von Wissen, Fertigkeiten und Kompetenzen in die Lage versetzt werden, informierte Entscheidungen bezüglich seiner Lebensführung zu treffen (Empowerment). Eine Patientenschulung besteht in der Regel aus mehreren Schulungseinheiten, in denen jeweils frontale (z. B. Vortrag) und interaktive Methoden (z. B. Diskussion, Kleingruppenarbeit, Rollenspiel) kombiniert werden; Veranstaltungen mit ausschließlich frontaler Vermittlungsmethode stellen keine Patientenschulung dar. Bei der Vermittlung der Schulungsinhalte werden jeweils mehrere Ebenen einbezogen (Kognition, Emotion, Motivation, Verhalten).“
Es ist zu berücksichtigen, dass sich die folgenden Kriterien jeweils auf das Schulungskonzept beziehen. Dieses ist von der Durchführungspraxis, d. h. der Durchführung beim einzelnen Patienten, zu unterscheiden. Beispielsweise kann eine modular aufgebaute Schulung mehrere Schulungsstunden umfassen, die für die Teilnehmer individuell zusammengestellt werden können (s. Abbildung 1). In der Durchführungspraxis kann dadurch ein Teilnehmer eine einstündige Schulung erhalten. Da das Schulungskonzept jedoch mehrere Einheiten umfasst, ist es somit nach obiger Definition als „Patientenschulung“ anzusehen.
Abbildung 1: Schulungskonzept vs. Durchführungspraxis
Nach dieser Begriffsbestimmung stellen z. B. die in der KTL Leistungseinheit k31 beschriebenen „Onkologischen Trainingsprogramme“ (z. B. k31.10: Unterweisung im Umgang mit dem Stoma) oder der „Vortrag: Gesundheitsinformation“ (KTL Leistungseinheit k51) keine Patientenschulung dar, da es sich um eine individuelle Unterweisung (k31) bzw. um ein einmaliges Angebot handelt, das nicht in ein Schulungskonzept eingebunden ist (k51).
Als Ergebnis des Delphi-Verfahrens wurden die folgenden Kriterien für Patientenschulungen festgelegt. Diese Kriterien haben zunächst indikationsübergreifend Gültigkeit, es ist jedoch nicht auszuschließen, dass indikationsspezifische Abweichungen vorliegen, die ggf. noch aufgenommen und spezifiziert werden können.
Die Kriterien der Dimension Bestimmungsstücke legen indikationsübergreifend formale Mindestanforderungen an Patientenschulungen fest. Sie sollen der einheitlichen Verwendung des Begriffes „Patientenschulung“ dienen.
Die zusätzlichen Qualitätsmerkmale zeigen Aspekte auf, von denen angenommen wird, dass sie die Qualität einer Patientenschulung steigern. Daher wäre es wünschenswert, wenn eine Schulung diese Kriterien erfüllt. Sie sind jedoch keine notwendigen Bestimmungsstücke für eine Patientenschulung.